Klickmomente

Klickmomente, wer hätte es gedacht, sind Momente in denen es klick macht.

Ich merke es bei mir selber, wenn ich Dinge verstanden habe. Dann fühlt es sich an, als würde ein Knoten in meinem Kopf platzen und man versteht endlich das, was einem die ganze Zeit erklärt wird.

Doch nicht nur Menschen haben diesen Klickmoment. Auch bei den Pferden kann man dies in der gemeinsamen Arbeit beobachten. Oft erkennt man dies, wenn die Pferde nach einer Übung abkauen. Für mich sieht es dann immer so aus, als würden sich im Gehirn viele kleine Zahnräder in Bewegung setzten und so die neue Information verarbeiten.

Manche Pferde werden zum Ende des Trainings aber auch sichtlich ruhig und entspannt, ja, vielleicht sind sie sogar ein wenig erschöpft. So stehen sie dann mit hängendem Kopf und entspannten Ohren in der Gegend rum und man kann deutlich erkennen, dass diese Übung nun wirklich das Gehirn und den Verstand des Pferdes beansprucht hat. Sehr schön ist es auch, wenn das Pferd die Entspannung bei dem Menschen sucht und man zusammen tief ein und ausatmet.

Diesen „Klickmoment“ zu sehen löst in mir immer ein sehr starkes Glücksgefühl aus, denn ich merke, dass egal wie klein und einfach die Übung für einen selbst auch sein mag, sie für das Pferd eine Aufgabe war, die es nun in diesem Moment durch meine Hilfe verstanden hat.

Auf der Ranch in Andalusien gab es viele solcher Klickmomente. Hier durfte ich das Fohlentraining mit dem Fohlen Opal übernehmen. Das war wirklich sehr aufregend für mich, da ich vorher noch nie mit einem Fohlen arbeiten konnte. Natürlich war es auch eine große Verantwortung, da man in der Machart und den Übungen, die man dem Fohlen beibringt, die Grundbausteine für das weitere Training setzt.

Bei Opal konnte man diesen Klickmoment ganz deutlich erkennen, als wir angefangen haben uns weiter von der Herde zu entfernen, als er es gewöhnt war. Ich wollte mit ihm einfach ein wenig spazieren gehen. Natürlich kennt er die Umgebung, den Hof. Doch dies heißt nicht, dass er einfach so mit mir mitkommen würde. So sind wir Meter für Meter vorwärts, haben uns gemeinsam entspannt, wenn etwas aufregend war und sind in diesem Moment der Entspannung wieder zurück zur Herde gegangen. So zeige ich ihm, dass ich ihn immer sicher nach Hause bringen werde, egal wie weit wir irgendwann von der Herne entfernt sein werden. So sind wir am ersten Tag vielleicht fünf Meter weit gekommen. Dann zehn und am übernächsten Tag waren wir schon gemeinsam auf dem Reitplatz und haben diesen erkundigt.

Das Abkauen, das Verstehen, kam immer in dem Moment, in dem wir wieder zurück bei der Herde waren, da er verstanden hat, dass er immer sicher nach Hause kommen wird. Selbst wenn wir an Dingen vorbeigegangen sind, die mal unheimlich waren und mit einem „Seitenhüpfer“ oder aufgeregtem Loslaufen verbunden waren, haben wir uns wieder zur Herde bewegt, nachdem wir uns gemeinsam entspannt haben. Er lernt also, dass es wieder nach Hause geht, wenn er entspannt ist. Nicht wenn er aufgeregt ist. So können wir später ganz lange und ruhige Spaziergänge machen, ohne dass er nach Hause zieht oder sich bei gruseligen Gegenständen nicht mehr runterholen lässt. Denn er weiß, wenn er mit mir unterwegs ist, bringe ich ihn sicher nach Hause.

Es gibt natürlich auch Tage, an denen es nicht so klappt, wie man es sich erhofft hat. Dies kann bei einer neuen Übung so sein oder auch bei einer, die man schonmal mit dem Pferd geübt hat.

Wichtig ist nun, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Klappt die Übung nicht in der erwünschten Ausführung, kommt man dem Pferd entgegen, in dem man die eigenen Erwartungen herunterschraubt. Dies habe ich hier bei der Versammlungsarbeit gelernt. So haben wir an dem Tag keinen versammelten Galopp geschafft, da ich beim ersten Mal fragen zu hohe Anforderungen an die Stute hatte. Sie hat mir dies ganz deutlich durch ihr Kopfschlagen und leichtes Buckeln gezeigt. In diesem Moment habe ich mit Thomas entschieden, dass es nichts bringt, sie beim nächsten und übernächsten Mal wieder nach der Versammlung zu fragen, da es nicht besser werden würde. So wollte ich mich mit der Stute auf einen schönen entspannten Galopp einigen. Auch dieser war zu Beginn schwierig. Wir sind weiter runter gegangen und sind erstmal nur getrabt. Zum Ende der Stunde konnten wir noch einmal schön galoppieren. Schraubt man die eigenen Erwartungen also zurück und versucht sich mit dem Pferd und seinen heutigen Möglichkeiten in der Mitte zu treffen, also auf einem gemeinsamen Nenner zu kommen, kann man die Übung so zu Ende bringen, dass beide mit dem Ergebnis zufrieden sind.

Was ich damit sagen möchte ist: Ein „das haben wir doch letztes Mal schon gemacht“ oder „das müsstest du ja schon längst können“ bringt dem Pferd und dir nichts. Es kann eben sein, dass das Pferd die Aufgabe komplett verweigert. Suche einen gemeinsamen Nenner mit deinem Pferd und beende das Training schön. Das Pferd fühlt sich dadurch verstanden und bringt das nächste mal die Bereitschaft mit es erneut mit dir zu versuchen.

Es ist eben wichtig zu erkennen, woran ein Verweigern liegt. Dies hat meist drei Gründe:

  1. Das Pferd versteht mich nicht. Es könnte sein, dass der Mensch die Frage dieses Mal ein klein wenig anders gestellt hat. Meist sogar ohne es zu merken. Es kann sein, dass man zu wenig, vielleicht auch zu ungenau fragt. Oder, wie in meinem Fall, zu viel zu schnell macht.

Man kann dieses Beispiel mit Sachaufgaben aus dem Matheunterricht vergleichen. Als erstes lernen wir einfaches Rechnen. Das sitzt dann irgendwann. Später kommen Sachaufgaben dazu. Nun sollen wir aus einem Sachzusammenhang die Problematik und den Rechenweg erkennen und lösen. Wir können zwar rechnen, aber die Sachaufgabe könnte in diesem Moment zu viel, zu schnell sein. So bröselt man die Aufgabe, meist mit Hilfe einer anderen Person, auseinander bis man sie versteht. Und so könnte man Aufgaben sehen, die man dem Pferd stellt. Wenn es die Aufgabe heute nicht versteht, könnte irgendwas anders sein und es liegt am Menschen, dies herauszufinden.

  1. Das Pferd möchte nicht. Vielleicht ist man selbst an diesem Tag mit dem falschen Fuß aufgestanden und hat schlechte Laune. Mit dieser schlechten Laune kommen wir zum Stall und verlangen nun von unserem Pferd, dass es tolle Leistung erbringt. Doch das Pferd möchte nicht. Es spiegelt unsere Emotionen und zeigt uns, dass wir erstmal selbst herausfinden müssen, ob wir heute in der Verfassung sind vernünftig und ohne Einfluss von äußeren und negativen Emotionen mit ihm zu arbeiten

Wir schauen uns wieder unser Mathebeispiel an. Unser Mathelehrer kommt gefrustet ins Klassenzimmer. Er bringt nur ein mürrisches „Guten Morgen“ heraus. Er gibt die Aufgabe 4 im Buch auf Seite 267 auf und wir sollen sie lösen. Er sitzt teilnahmslos an seinem Pult. Das Problem? Die Frühstücksmilch war sauer. Tja, dumm gelaufen. Nun verbreitet er jedoch im ganzen Klassenzimmer schlechte Laune, Unmut, eine „Kein Bock Haltung“ und regt sich dann noch darüber auf, dass wir Schüler unsere Aufgaben nicht machen. Auch unser Pferd merkt schlechte Stimmung, die wir mit zum Stall bringen. Und ich bin ehrlich, in dem Klassenzimmer mit dem Mathelehrer würde ich auch nicht gerne arbeiten.

  1. Das Pferd kann nicht. Es gibt jedoch auch Klickmomente, die einen in der gewissen Übung nicht weiterbringen. Dabei geht es nicht darum, dass das Pferd unsere Frage nicht versteht oder die Übung nicht ausführen möchte, sondern darum, dass es sie nicht ausführen kann. Dies kann ein körperliches und emotionales Nichtkönnen sein. Auch hier ist es wichtig als Mensch ein solches Feingefühl für das Pferd zu entwickeln und einzusehen, dass diese Übung für das Pferd nicht möglich ist.

Wenn wir uns wieder an dem Mathebeispiel orientieren, kann man das mit Menschen mit einer Dyskalkulie vergleichen. Wurde dies erkannt und akzeptiert, muss dieser Menschen zum Beispiel keinen Beruf ausüben, in dem er es mit Mathematik zu tun hat. Zugegeben, dies ist vielleicht ein sehr weithergeholtes Beispiel. Wenn wir uns von den Mathebeispielen entfernen, können wir dieses Nichtkönnen einer Übung an uns selber feststellen. Nicht alle Menschen kommen mit den Händen, bei gestreckten Beinen, zum Boden. Nicht alle Menschen können Schwimmen, nicht alle können einen Berg besteigen oder Fahrradfahren. Und dies sind Beispiele, die nicht nur aus mangelnder Übung entstehen, sondern auch aus einem kaputten Knie oder Ängsten wie Höhenangst. Eben dem Nichtkönnen einer Sache aus körperlichen oder emotionalen Gründen. Wenn wir Menschen es nicht können, warum muss mein Pferd dies dann können, wenn es mir genau zeigt, dass es im körperliche oder emotionale Schmerzen bereitet?

Für mich geht so ein Klickmoment des Pferdes mit dem von mir oft einher. Versteht es mein Pferd, verstehe ich, dass es genau diese Hilfe, Pause oder ähnliches in diesem Moment gebraucht hat. Mit diesem Feingefühl, mit diesem Achten auf das Pferd und seine Möglichkeiten, kann eine tolle vertrauensvolle Verbindung entstehen, die die gemeinsame Arbeit verbessert und verstärkt.

Zum Schluss noch ein kurzes Zitat von Jean-Claud Dysli, das zusammenfasst, was ich in vielen Worten versucht habe zu erklären: “You can not get more out of a horse, what is already in the horse.“ (Jean-Claude Dysli, Seminar in Wertach, Juni 2013, Dokumentation „Zwei Legenden. Eine Mission – Reitkunst in Vollendung, 2013)

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