Gedanken über die Grundlagen für die Ausbildung eines Pferdes

Als ich beruflich mit dem Pferdetraining begonnen habe, war es mir wichtig, mich auf die Ausbildung vom Boden aus zu konzentrieren. Ich wollte nicht in Konkurrenz zu guten Reitlehrern mit Trainerschein und langjähriger Reiterfahrung treten. Das möchte ich auch heute nicht.

Allerdings habe ich mittlerweile so einige Pferde kennengelernt, die von Reitlehrern oder anderen Menschen nicht ausgebildet und gefördert, sondern eingeschüchtert und gedemütigt werden/wurden. Die Skala der Ausbildung nach FN (z.B. läuft das Pferd LOSGELASSEN?) und der Faktor ZEIT spielen häufig im Reitunterricht offensichtlich keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Deshalb möchte ich auf dieser Seite inständig alle Menschen bitten, die ein Pferd (oder ein anderes lebendes Wesen) in ihrer Obhut haben und damit die Verantwortung für sein Wohlbefinden tragen, sich bei der Auswahl von Trainern, Reitbeteiligungen, Stallbesitzern und allen Menschen, die sich mit diesem Wesen -welches den Menschen auf Wohl und Wehe ausgeliefert ist- beschäftigen, folgende Fragen zu stellen:

1. Wie möchtet Ihr selbst behandelt werden, wenn Euch eine Aufgabe gestellt wird,

– die Ihr nicht versteht und/oder

– die Ihr körperlich nicht bewältigen könnt und/oder

– die Euch Angst macht.

2. Wollt Ihr,

– dass man Euch anschreit,

– dass man Euch schlägt und Schmerzen zufügt

– dass man Euch dazu zwingt, obwohl Ihr vor Angst zittert und erstarrt seid?

Wenn Ihr eine dieser Fragen mit JA beantwortet, dann solltet Ihr kein Pferd haben, sondern besser Motorrad oder Fahrrad fahren.

Wenn Ihr diese Fragen mit NEIN beantwortet, dann wisst Ihr sicher, dass Pferde FÜHLEN und DENKEN können.

Voraussetzung für Lernen ist das DENKEN und das funktioniert nur, wenn man sich WOHLFÜHLT.

D.h. in einer Situation mit Stress, Angst und Schmerz kann NIEMAND lernen.

Pferde werden nur dann „bockig“ oder „stur“ -die richtige Bezeichnung lautet übrigens „Pferde zeigen „Oppositionsreflex“-, wenn

– sie nicht verstehen und/oder

– nicht können und/oder

– Angst haben.

Das ist völlig normal und verständlich und hat nichts mit böser Absicht von seiten des Pferdes zu tun.

Es ist unsere Verpflichtung, in all diesen Situationen immer ruhig, geduldig und verständnisvoll zu bleiben und Wege zu finden, dem Pferd zu helfen, die Aufgabe zu bewältigen. Dazu braucht es planvolles Handeln und faire Konsequenz, genauso wie das Aufzeigen von Grenzen im richtigen Moment.

Eine sorgfältige und korrekte Ausbildung von Pferden erfordert Zeit und ist oft ein langer, nicht einfacher Weg. Dabei ist es auch wichtig, das Pferd immer wieder zu motivieren. Das gelingt am besten mit positiver Verstärkung, also viel Lob und Pausen. Es gibt viele Irrwege, Abkürzungen gibt es nicht. Vermeintliche Abkürzungen gehen immer zu Lasten der Pferdegesundheit, sie verursachen körperliche und psychische Schäden.

Wenn es uns gelingt den Weg mit Ruhe, Geduld und Humor (wie wäre es auch mal mit Selbstironie?) zu gehen , wird das Pferd zu unserem Partner, welcher gern mit uns zusammen ist und vertrauensvoll das tut, was wir möchten.

Und das ist doch das, wovon wir früher -als wir noch pferdebegeisterte Mädchen und Jungen waren- immer geträumt haben, oder???

Christine Bönninger-Müller